Jan´s Island-Resümee

Was ist eigentlich so mit mir passiert in diesem halben Jahr Island?

 

Die Frage, deren Antwort mir am Anfang vielversprechend erschien, möchte ich jetzt mal beleuchten. Vor dem Beginn dieser Reise und vor allen Dingen dieses Projekts, hat mich diese Frage mit am meisten von allen beschäftigt. Ich war gespannt darauf, was die Erfüllung der Aufgabe mit Musikern aus einem anderen Land, die mich gar nicht kennen, in Kontakt zu treten und gemeinsam zu musizieren, mit meiner Persönlichkeitsentwicklung macht. Ich habe erwartet, ständig über meinen eigenen Schatten springen zu müssen, während ich tagtäglich auf bisher fremde Menschen zugehe, mit denen ich wahrscheinlich nicht mehr, als die gleiche Leidenschaft teile. Denn ich kenne mich mehr als jemanden, der gern alleine ist und wenn nicht alleine, dann zumindest in einem sozialen Umfeld, das mir nicht ständig neue Menschen präsentiert. Eher ein Umfeld aus wenigen, guten, am liebsten langjährigen Bekanntschaften, in dem ich mich auskenne. So eine Art Sicherheitszone.

 

So war es zumindest in Deutschland. Im Nachhinein bin ich überrascht, wie viele schöne Bekanntschaften ich hier in Island machen durfte. Anfänglich haben wir ja viele Interviews mit isländischen Musikern und Bands über die hiesige Musikszene und den vermeintlich isländischen Sound geführt. Die Perspektive eines Interviewers war interessant und hat die Anzahl an Kontakten zu Musikschaffenden in kurzer Zeit sicherlich katalysiert, aber es gab mir auch ein Gefühl von unangenehmer Distanz. Ich kenne diese Situationen, allerdings aus der umgekehrten Perspektive – als Musiker. Wenn wir mit meiner eigenen Band Interviewsituationen hatten, kamen oft die gleichen Fragen. Nur wenige Interviews waren wirkliche Perlen, die in Erinnerung blieben. Diese Erinnerungen und Erfahrungen schwirrten mir die ganze Zeit im Kopf umher und damit waren meine Ansprüche an mich selbst, ein gelungenes, interessantes und amüsantes Interview zu führen, ziemlich hoch. Gelegentlich ist es mir für mich zufriedenstellend gelungen und ich war überrascht, dass die Musiker die Interviews angenehm fanden (Ich kenne die Floskeln und die Blicke von mir selbst und kann unterscheiden zwischen professionell freundlich und wirklich freundlich). Das war eine interessante Aufgabe, die zu meistern mich sicherlich ein Stück wachsen lassen hat. Wenn man was in der Tasche hat, wie wir unser Projekt, dann ist es wesentlich leichter Menschen zu begeistern und sich selbst interessant zu machen. Das habe ich gelernt. Mach was, irgendwas, und beziehe Menschen mit ein. Dann geht’s auch voran. 

 

 

 Die zweite Sache, die ich mit diesem Projekt unbedingt herausfinden wollte, sollte mir wieder ein bisschen mehr Antwort auf die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ geben. Mich mit mir selber zu identifizieren, war und ist nie leicht für mich. Herauszufinden, was ich eigentlich möchte, was ich kann oder was ich nicht kann, ist und war immer eine schwierige Aufgabe. Möglicherweise ist es auch deshalb so, dass ich ein für mich gefühlt doch recht abwechslungsreiches Leben führe. Ich bin gern an fremden Orten, in anderen Ländern, reise einfach wahnsinnig gern. Auch ziehe ich für gewöhnlich nach zwei bis drei Jahren in einer Wohnung ganz automatisch in eine andere oder habe Lust, auch beruflich was anderes auszuprobieren. Das es wichtig ist für mich, dem nachzugehen, habe ich mittlerweile rausgefunden. Nichts ist schlimmer als zu denken, man müsste einer Aufgabe gewachsen sein oder mit dem deutschen Gedanken von Stetigkeit, Konstanz und Sicherheit konform gehen. Muss man nämlich gar nicht. „Im Grunde muss man gar nichts“ - das ist ein sehr erleichternder Leitspruch. Denn man muss wirklich gar nichts, aber man kann ganz viel. Nun ja, um es nicht ausufern zu lassen, kann ich resümierend sagen, dass nach diesem halben Jahr Island für mich feststeht, dass mein Leben größer ist, als die Ideen, die ich dazu in meiner alten Heimat Hamburg hatte. Und nicht nur das Leben, sondern auch die Welt ist groß. Und irgendwo auf diesem Planeten verläuft mein ganz eigener Weg, hinter mir, denn wo er weitergeht entscheide ich Tag für Tag, Stunde für Stunde ganz allein und selbst. 

 

Frage drei ist für mich ebenso groß.

Wer ist der Musiker in mir und warum mache ich überhaupt Musik? Was will ich ausdrücken und was vielleicht nicht? Welchen Stellenwert soll Musik für mich haben und finde ich das richtige Maß? Mich mit diesen Fragen zu konfrontieren, lässt mich recht schnell emotional werden. Ich denke an mein Leben und die Momente, als Musik mir wirklich viel bedeutet hat. Viel bedeuten, wenn es um das Thema Musik geht, impliziert nunmal eine starke emotionale Komponente.

 

Ärger zu Hause – Griff zur Gitarre. Rockstar sein wollen - Griff zur Gitarre. Gehör verschaffen – Griff zur, ja genau, Gitarre. Einsame, sehnsuchtsvolle, schmerzhafte und generell gefühlsstarke Momente ließen mich klimpern. So dolle, dass ich recht schnell meinen Ton und meinen Sound entwickelte, der mich bis heute begleitet. Einen Lehrer wollte ich nicht, später auch nur selten. Denn es ging für mich nicht um die Fähigkeit, alles spielen zu können. Vielmehr wollte ich meinen Ton nicht verlieren und wollte niemanden, der mir genau das verdirbt und durch etwas Universelles ersetzt. Die Angst war zu groß, so zu klingen wie die meisten. Die Gitarre für mich sprechen lassen, so habe ich meine Liebe zum Blues entdeckt. Bester Guitar-Talker für mich ist und bleibt B.B.King. Ich höre seine Gitarre und weiß, was er gerade erzählt. Das ist auch mein Anspruch an mein Spiel. Man soll mich verstehen können. 

 

Ich war nie wirklich der große Konzertgänger. Es gab wenige Sachen, die mich umgehauen haben oder hätten, wenn ich denn hingegangen wäre. Viel stärker war der Wunsch, selbst auf der Bühne zu stehen und den Leuten im Publikum zu zeigen, was alles an Gefühlen in mir steckt. Dieser Gedanke hat das Konzerterlebnis meistens so dominiert, dass ich zuschauen immer schlecht aushalten konnte und mich freute, wenn der letzte Song gespielt war und ich endlich wieder gehen konnte. In Island haben wir in kurzer Zeit so viele Konzerte besucht. Tatsächlich bin ich irgendwann in den Trott gekommen und habe bemerkt, wie diese frische Musik mich begeistert hat. Nicht alles war klasse, aber es war immer innovativ und es gab selten Überschneidungen mit den inhaltlichen Themen, die mich für gewöhnlich dazu drängen, wieder diesen Gedanken zu haben, unbedingt mit dem Künstler auf der Bühne tauschen zu wollen. Ich konnte es wirklich genießen.

 

Musik ist ein fantastischer Weg, sich Gehör zu verschaffen und sich in eine Rolle zu begeben, durch die hindurch man wiederum Seiten von sich selbst zeigen kann, die man Off-Stage nicht zeigen würde und vielleicht auch nicht kann. Musik ist auch Überwindung ehrlich zu sich zu sein, um das, was man ausdrücken will – egal ob beim Songs schreiben oder spontan, direkt und unvorbereitet bei einer Jam-Session – immer dicht vom Herzen zu produzieren und herausspielen zu können. Mir geht es nie darum technisch perfekt zu sein oder mit Klasse-Skalen, die schon der begnadete Jazz-Musiker XY anno dazu mal angewendet hat, zu glänzen. Ich will nicht glänzen, ich will eher ein "Schwein" sein. Ich will und wollte unvoreingenommen, roh, laut, rotzig und pur die Bühne entern und ein Bild bieten, dass eine Seite meiner Person zeigt, die ich wirklich nur auf dieser beschränkten Anzahl Quadratmeter zeigen würde. Es ist gar nicht einfach, nicht gefallen zu wollen und dadurch zu gefallen. So wie Kurt Cobain, Marylin Manson oder Axl Rose. Großartige Schweine der Rockmusik. Ja, das gefällt mir. Deswegen nützt es mir in diesem Kontext kaum, auch wenn es Spaß macht und ich es anbieten kann, wenn ich Musik spiele, die keinerlei Rebellion beinhaltet, oder so leise ist, dass es gefällig bleibt und die Leute womöglich noch einen heißen Kakao dazu bestellen. Ich habe es probiert. Ich habe in Island Songs geschrieben mit meiner Akustik-Gitarre, englischem Text und habe darüber geschrieben, was mich so umtreibt. Habe Konzerte mit diesen Liedern gegeben. Das erste Mal solo auf der Bühne mit einem eigenen Programm. Nur meine Stimme, meine Gitarre und ich. Das war für mich eine tolle Erfahrung, habe ich mich jetzt schließlich emanzipiert, ernsthaft vor anderen zu singen und eigene Ideen allein zu präsentieren. Das war vorher auch nicht mein größtes Hobby. 


Aber inhaltlich habe ich dem Publikum keine Faust ins Gesicht gedrückt, weshalb ich immer wieder an den Punkt kam, meine alte Band Balboa Inn zu vermissen. Da waren mehrere von diesen Typen mit dem Wunsch, den Leuten das Innerste um die Ohren zu hauen. Musikalisch gesehen, die schönste Zeit in meinem Leben – und die größte Befreiung. An diese Zeit habe ich immer wieder zurückgedacht. Auch wenn es streckenweise so kaputt war und wir wenig vorangekommen sind, möchte ich diese Zeit, vor allen Dingen die Momente, in denen man sich als Band auf der Bühne unbesiegbar und tief verbunden fühlte, niemals missen. Hier in Island wurde ich hauptsächlich mit ganz anderer Musik konfrontiert. Das hat meinen musikalischen Horizont um einiges erweitert. Was ich aber als viel prägender und entspannender für mich empfinde, ist die Art und Weise wie hier mit Musik und dem Wunsch, von der eigenen Musik zu leben, umgegangen wird. Es ist einfach so herrlich unaufgeregt. Da es in Island nur für eine handvoll Musiker möglich ist, mit Musik einen Lebensunterhalt zu bestreiten, wird einfach nicht so viel Aufsehen um die in allen Regionen qualitativ hochwertige Musik gemacht. Sie ist halt einfach da. Und sie wird genutzt, um sich Ausdruck zu verleihen, um sich ständig neu zu erfinden, um sich die dunkle Zeit zu vertreiben und um in diesem bevölkerungsarmen Land gelegentlich in Gesellschaft zu sein. Die Musik ist so vielfältig und bunt hier. Sie versucht nicht, irgendwie zu sein, vor allem nicht gefällig, um möglichst viel Airplay zu bekommen. Das kriegen die musikverliebten Isländer ganz schnell raus und unauthentische Musik hat keine Chance. Auch die Kreativität und Produktivität wird durch die wenigen Möglichkeiten, sich Leuten zu präsentieren, angekurbelt. Meist spielt man vor den gleichen Leuten und die wollen selbstverständlich nicht zweimal das Gleiche sehen. Mit meinem Anspruch an Musik bin ich besonders beim Nordanpaunk-Festival im Juli in Laugarbakki aufgeblüht. Eine Menge guter und weniger guter Punk-, Metal-, Rock- und Hardcore-Bands trafen bei diesem DIY-Festival aufeinander. Auf knapp 50 Bands kamen vielleicht 150 Musiker, denn viele von ihnen spielten in mehreren Bands. So ist das hier in Island. Hier legt man sich nicht fest auf eine Band und zieht mit ihr auf Teufel komm raus durch. Hier spielt man grundsätzlich in vielen Bands, ohne dass man von seinen Bandkollegen schief angeguckt wird oder das Management womöglich an Aktivitäten der einzelnen Musiker in anderen Projekten auch noch beteiligt werden will. Dieses Festival bot jedenfalls die ehrlichsten Performances, die ich seit langem gesehen habe. Eigentlich habe ich sowas Rohes und Forderndes noch nie aus der Zuschauerperspektive gesehen. Selbst nicht, als ich mit meiner Band Le Fly auf einem Oi-Konzert in Moskau gespielt habe. Es hatte ein bisschen was von den ersten Shows mit meiner Band Balboa Inn. Als wir auf Boxentürme geklettert sind, uns die Hemden vom Leib gerissen haben und mit der größtmöglichen Ehrlichkeit, dem größtmöglichen Wahnsinn, der größtmöglichen Lautstärke unsere Seelen blutig spielten und die Zeit vergaßen. Das ist hängengeblieben und das ist, was ich weiterhin verfolgen muss, denn das macht mich glücklich.


 

Musik ist schließlich der beste, treueste und ehrlichste Freund auf Erden. Und er kommt umso näher, je ehrlicher man zu sich selbst ist. Eigentlich verfluche ich ihn nur, wenn es mal nicht sprudelt und keine Ideen da sind. Das ist dann aber gleichzeitig der Appell an mich, auf mein Herz zu hören. Man kann vor allen Dingen mit ihm wachsen. Dabei ist es vorteilhaft, dass die Eigenschaften dieses besten Freundes auch zur eigenen Persönlichkeit passen, damit man möglichst viel Spaß und Zukunft mit ihm hat. Im übertragenen Sinne heißt das für mich, dass es mir nichts bringt Musik zu machen, die ich nicht fühlen kann. Ein grundsätzliches Gespür für Musik jeder Art steckt natürlich auch in mir, aber es geht um maximalen Spaß daran, und zwar ausschließlich. Ich mache Musik, weil ich mit meinem besten Freund kommunizieren will und die Gelegenheit nutzen will, mich mit seiner Hilfe auszudrücken. Denn ab und zu müssen Dinge einfach raus und dürfen nicht in den Untiefen der Seele verschwinden, nur weil sie in kein Raster oder in kein soziales Umfeld passen. Kreativer Umgang mit der eigenen Kaputtness. Ich liebe diesen Weg mich zu zeigen und anders zu sein und habe das Gefühl, hier in Island wieder viel mehr eigene Identität in dieser einen Facette meiner Persönlichkeit gefunden zu haben.  

Ich habe hier viel Musik in den verschiedensten Zusammenhängen gemacht. Einen Song mit dem, einen anderen mit dem, mal alleine, mal mit einer Band und mal nur für ein Event eine Band zusammengestellt. Es war nicht zwingend intensiver als das, was ich mir vorgenommen habe – ein Album mit isländischen Musikern zu produzieren, aber es war so viel echter. Ich habe mich treiben lassen und nicht krampfhaft diese Idee verfolgt. Für ein ganzes Album hätte ich mehr Zeit gebraucht. Aber ich habe schöne musikalische Momente gehabt mit Ólafur, Maggi, Jóhann, Svavar, Pete, Erik, Dikta, Oskar und Halli, Daniel, Silli, Gummi, Ellinore, Skuli, Àsgeir und vielen anderen. Das hätte ich vorher nie gedacht. Und es sind sogar einige tolle Aufnahmen entstanden.

Auch hätte ich nicht gedacht, dass unser Projekt uns so viele Möglichkeiten eröffnet und die Menschen hier dem so offen gegenüber stehen. Ich bin unendlich dankbar für diese Zeit hier und für die wunderbaren Menschen, die wir hier kennenlernen durften und die uns in ihr Herz gelassen haben. Am dankbarsten bin ich dafür, dass Madeline und ich an diese Idee geglaubt haben und uns konstant gegenseitig Mut gemacht haben, diesen Weg zu gehen. Denn das haben wir nun für immer. Mut für große Dinge, Mut an die absurdesten Ideen zu glauben und die Leichtigkeit, Dinge einfach zu machen und gleichermaßen auch zu lassen. I love you baby.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0