Deutsche und isländische Freundschaften – Begegnungen in drei Arten

Heute soll es um Menschen gehen, um Freundschaften und wie wir sie auf unserer Reise erfahren. Nach fast vollen sechs Monaten auf Island fanden wir so einige Freunde, verließen geglaubte Freunde wieder und lernten hin und wieder sogar richtig doofe Menschen kennen, die man eigentlich niemals um sich haben möchte. Erstere sind uns die liebsten, letztere tangieren uns eigentlich eher selten, da sie nur kurzweilige Begegnungen sind, über die wir im Nachhinein sogar lachen können. Mit zweiter Kategorie haben wir allerdings so unsere Schwierigkeiten, hatten wir schon immer. In Deutschland, in Hamburg und sogar in Island gab es sie, was uns – obwohl wir damit hätten rechnen sollen – dann doch (Wie sollen wir es ausdrücken? „überraschte“, „erschütterte“ „enttäuschte“) beschäftigte.

 

Bisher sangen wir über das isländische Völkchen ausschließlich in hohen Tönen. Und das Lied können wir auch weiter trällern, denn sie sind einfach famos. Vieles wird auf Island netter, einfallsreicher und freier gehandhabt als Zuhause. Jeder hat die Möglichkeit, etwas zu beginnen, zu gestalten und umzusetzen, ohne dafür belächelt zu werden. Die Voraussetzungen, etwas zu schaffen, sind ohne jeden Zweifel vorhanden. Falls die Erwachsenen einmal keine Lust haben, eine Halloweenparty für die Kinder zu organisieren, sich niemand darum kümmert, es schlichtweg vergessen wurde, gehen besagte Kinder einfach selbst zum Rathaus, holen sich eine Genehmigung des freundlichen Bürgermeisters und schmeißen die fetteste Sause, die der Ort je gesehen hat. Kein Ding. Wenn da jemand aus dem Ausland kommt und die Idee hat, Kaninchen zu züchten, weil das sonst niemand hier macht, also den Mut hat, eine innovative Geschäftsidee umzusetzen, dann helfen sogar die Menschen aus dem Dorf mit. Sie steuern freundschaftlich etwas bei, weil sie ein bisschen stolz darauf sind, dass sich jemand gerade ihr Land, ihr Dorf aussucht, um etwas Neues zu kreieren und auch weil sie daran glauben, dass es gut werden kann. Oder wenn da zwei Leutchen aus Hamburg kommen, die sich in den Kopf gesetzt haben, eine Dokumentation über die isländische Musikszene zu drehen, ohne je vorher in Island gewesen zu sein, auch dann lächeln sie, vermitteln Kontakte, geben bereitwillig Interviews, spielen Songs mit ihnen und freuen sich darüber, wenn man ihnen für ihr Vertrauen dankt. Manchmal wird auch eine Freundschaft daraus. Na klar, trafen wir auch Isländer, die mürrisch, patzig oder ungeduldig mit uns waren. Auch hier scheint nicht immer die Sonne. Doch bisher waren dies „Einmal-Begegnungen“. Entweder wir sahen sie nie wieder oder sie waren beim nächsten Mal freundlicher und aufgeweckter. Meine Theorie zu denen, die beim zweiten Mal plötzlich zugetaner waren: Sie realisierten, dass wir jetzt einfach da sind. Dass wir uns Mühe geben, isländisch zu lernen, dass wir auch ziemlich nette Leute sind und dass wir uns nicht beirren lassen. Gefühlt sind die Isländer einfach sehr viel besser darin, Ist-Zustände als gegeben anzunehmen und das beste daraus zu machen. Tolerieren, akzeptieren und vielleicht sogar etwas Freude daran finden, zumindest aber, sich auf keinen Fall die eigene Zeit vermiesen lassen.

 

Auf Reisen sein, fühlte sich lange Zeit immer so an, als wären wir unter unserer kleinen, sicheren Glaskuppel unterwegs. So ging es uns in Frankreich und Spanien, in San Francisco, in Schweden, Teneriffa und anfänglich auch in Island. Unterwegs sein, von A nach B, häufige Ortswechsel und das Land erkunden, spontane Bekanntschaften, die sich manchmal sogar wie Freundschaften anfühlten, sich so anfühlen KONNTEN, gerade weil sie vergänglich waren, gaben uns das Gefühl, dass sie es alle mindestens genauso gut mit uns meinten, wie wir mit ihnen. Dass sie auf uns genauso neugierig waren, uns gegenüber ebenso unvoreingenommen waren, wie wir ihnen gegenüber. Klar, auch kurze Begegnungen mit weniger erheiterndem Charakter waren darunter. Vor einigen Wochen erzählten wir zum Beispiel einem Nachbarn auf der Reykjavík Campsite von unserem Projekt. Dass wir eine Dokumentation drehten und dafür ein halbes Jahr  in unserem Wohnmobil unterwegs wären. Fand er wohl irgendwie okay. Musik? Klasse! Was wir denn aber arbeiten würden, fragte er uns. Also, in Echt. Unser richtiger Job, wie wir uns das leisten könnten. Wir berichteten ihm von unseren Jobs, die wir von hier in Deutschland ausübten und er nickte. Diese Art von Nicken, die nicht viel mit ehrlichem Verstehen zu tun hat. Danach hatten wir uns eigentlich nicht mehr viel zu sagen (zumindest Jan und ich wussten nicht mehr so recht, was uns dazu noch einfallen sollte). Er hingegen musste uns noch unbedingt erzählen, was er so tat, Bankangestellter, dass er letzte Woche mit einem bekannten CSU-Politiker zu Abend gegessen hätte und dass wir ja auch noch ein wenig Zeit zum Geld verdienen hätten, damit wir später ähnliche Vorzüge genießen könnten. In väterlichem Ton. Mit viel Mitgefühl darin. Sogar richtig nett gemeint, glaube ich. Wissen wir zu schätzen. Ehrlich. Aber um wirklich ganz ehrlich zu sein, haben wir anderes vor. Glücklich sein zum Beispiel. In erster Linie. Und mehr Zeit füreinander haben als vier Wochen im Jahr. Lieber einen liebevoll gehegten Willi haben, als ein aufgemotztes 500.000€-Mercedes-Expeditions-Vehikel mit Keramikschüssel. Nichts für ungut.

Witzigerweise kommen viele dieser Art Wortmeldungen aus Deutschland. Oft kommt es uns so vor, dass dieses protestantische „Schaffe, schaffe“ viele Ecken, Gesellschaftsschichten und einen großen Teil des Denkens und Glaubens in unserer Heimat dominiert. Über Glück, Liebe und friedvolles Miteinander wird unserer Erfahrung nach nur am Rande gesprochen. Deutschsein bedeutet im Großen und Ganzen Geld und Arbeit. Und ganz viel „Ich“. Leider. 

Wo wir auch wieder beim Thema wären. Denn es gibt einige Deutsche Auswanderer in Island. Viele suchen auf dieser wunderschönen Insel, die auch uns magnetisch angezogen hat, etwas anderes, als das, was sie aus Deutschland gewohnt sind. Nahezu grenzenlose Natur, unzählige Möglichkeiten, Träume zu verwirklichen und oft sogar die Liebe, ziehen Männlein und Weiblein hierher. Viele finden das, was sie für sich und ihr Leben suchen, doch einige scheitern auch. Meist an ihrem eigenen deutschen Charakter, dem sie eigentlich zu entfliehen versuchten.

Schwierig wird es für uns immer dann, wenn wir auf derlei Menschen stoßen. Zunächst ist da natürlich das Wohligsein, das Zuhause-Gefühl, wenn wir uns mit Deutschen gut verstehen. Ich denke, das geht wohl jedem so, der sich für längere Zeit im Ausland aufhält, die Sprache nicht spricht und sich in die örtlichen Gepflogenheiten eingewöhnt. Wir alle suchen immer nach Menschen, die uns am nächsten sind. Man lernt sich kennen, mag sich, hilft sich und freut sich über- und miteinander. Verbringt Zeit zusammen. Doch es kann auch der Zeitpunkt kommen, an dem aus einer Starthilfe eine Erwartung resultiert, aus einem „Ich helfe dir“ ein „Was bekomme ich zurück?“, aus einem „Lass uns das machen“ ein „Du hast es mir versprochen“, aus einem „Selbstverständlich“ ein „Aber“ werden. Und dann weiß man, dass alles eigentlich wie überall ist. Dass Freunde wertvoll sind und wir sie überall auf der Welt finden, wir uns aber auch überall auf der Welt vertun können. Dass soziale Beziehungen überall speziell sind, einfach sein können, möglicherweise in Freundschaften resultieren, oder aber an Charakterzügen scheitern, die wir Zuhause schon total doof fanden. Und dann erinnert man sich daran, dass man auch ein bisschen aus genau diesem Grund aus Deutschland weggegangen ist.

 

Zum Glück gibt es da aber auch die wunderschönen Begegnungen, die sich von Anfang an gut anfühlten und sich nach und nach zu richtig festen Freundschaften entwickeln. Und natürlich kam es beim Aufeinandertreffen überhaupt kein Stück darauf an, wo jemand seine Wurzeln hatte. Mit deutschen Digitalnomaden können wir uns wunderbar austauschen, über unsere Erfahrungen als Neulinge auf dieser tollen Insel sprechen, uns gegenseitig Tipps verraten und hin und wieder bei einem leckeren Wein und einer guten Tafel Schokolade einfach nur zusammensitzen und über Gott und die Welt (in Deutschland) klönen. Unsere isländischen Freunde eröffnen uns auf der anderen Seite eine fast komplette neue Welt, zeigen uns ganz unbewusst Gepflogenheiten und Umgangsarten, die man hier so pflegt und sind gleichzeitig unheimlich interessiert an allem, was wir aus unserer Heimat so mitbringen. An Kochrezepten, Instrumenten, wie man eine Musikschule betreibt und unserem Willi. So gleicht sich alles aus, wir mummeln uns in Altes und Bekanntes ein, das wir auch gern weitergeben, fühlen uns aber genauso wohl, dass wir Neues, Aufregendes und manchmal Merkwürdiges kennenlernen dürfen. Der Mix macht`s. Immer.

 

Soziale Beziehungen sind wirklich etwas Verrücktes. Und witzigerweise sind wir – fällt uns jetzt im Nachhinein auf – davon ausgegangen, dass im Ausland alles anders ist. Rosiger, nur coole Leute um uns rum. Stimmt auch. Ungefähr vier Wochen lang. Dann trennt sich spätestens die Spreu vom Weizen. Wie immer, überall, in Deutschland, auf Island oder in Buxtehude. Menschen sind halt Menschen und obwohl wir persönlich die isländische Mentalität etwas lieber haben als unsere heimische, erwischen auch wir uns hin und wieder dabei, dass wir uns über meckernde, alte, deutsche Opis freuen. Irgendwie.

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Kommentare: 1
  • #1

    KirstenJan (Donnerstag, 13 Oktober 2016 15:40)

    :-).