Chapter #10 - Soundtracking ganz privat

Auszeit

Sonnenbetankt, braungebrannt und vollgefuttert mit allerlei frischem Obst und Gemüse wurfden wir Dienstag Nacht von feinsten Nordlichtern am Flughafen Keflavík begrüßt. Wie jetzt Flughafen? War da was? Um ehrlich zu sein, ja. Klammheimlich haben wir uns eine Woche lang aus dem Staub gemacht und sind in die Sonne geflogen. Nach knapp einem Jahr quasi nonstop Soundtracking hatten wir einfach einmal das Bedürfnis, den Computer, die Kamera und unseren kuscheligen Willi ruhen zu lassen, die Firma Firma sein zu lassen und uns um unsere Beziehung zu kümmern. Eine Woche Jan & Madeline. Und eine Woche Teneriffa bei knapp 30 Grad, sternenklaren Nächten im T-Shirt, viel Oktopus, Fisch, Maracuja, Mojo auf dem Teller und ner Menge „mañana“. Wichtig war das, auch um mal sacken zu lassen, was wir da eigentlich in den vergangenen Monaten erlebt und geschafft haben. Wenn man so viel Neues, Spannendes und Aufregendes erlebt, alles auf einen Haufen stapelt, der immer  höher und höher wird, hat man am Ende gar keine Zeit zu schauen, ob unten schon fruchtbarer Kompost angesetzt hat, wenn ihr wisst, was ich meine... Für einen kleinen Rückblick, eine Bestandsaufnahme und um unsere Batterien wieder etwas aufzuladen, war dieser Urlaub also eine richtig gute, wenn auch spontane Idee. Zumal wir mittlerweile unsere Fähre zurück nach Deutschland gebucht haben und noch einmal all unsere Energie für die letzten fünf Wochen Soundtracking : Iceland mobilisieren wollen.

 

Und sonst so? Was war eigentlich los in den letzten Wochen?

 

Best friends im HotPot

Endlich konnte ich letztens meine beste Freundin wieder in die Arme schließen, die zusammen mit ihrem Freund einen Abstecher in Islands Norden unternahm. Nach meinem kleinen Heimweh-Anfall im letzten Blog-Beitrag war das irgendwie auch bitter nötig. Vor lauter Freude haben Jan und ich uns dieses Mal auch richtig was einfallen lassen, um beiden einen möglichst guten Eindruck von „typisch isländischen“ Gegebenheiten bzw. Aktivitäten zu vermitteln. So viel eben, wie in drei Tagen möglich war. Also Badesachen eingepackt und ab in` HotPot. Um die Ecke gibt es einen sehr schönen, absolut geheimen Natur-HotPot, in dem man so gut wie immer allein ist und eine wunderschöne Aussicht auf den Fjord hat. Wenn man so richtig Glück hat, und das hatten wir, ist der HotPot richtig hot, der Fjord vergleichsweise warm und am Himmel tanzen die Nordlichter. Unglaublich. Schon einige Tage zuvor probierten Jan und ich diesen Geheimtipp aus, allerdings war das Wasser etwas zu lau, sodass wir uns mit kleinen Beatbox-Wasserturn-Übungen in Bewegung hielten, um nicht auszukühlen. Auch nicht schlecht.

 

Selasigling Hvammstanga

Etwas, was Jan und ich selbst auch noch nie gemacht haben, nahmen wir uns für den zweiten Morgen vor, der uns mit strahlendem Sonnenschein entgegen lachte: Eine Robben-Bootsfahrt. Hauptsächlich habe ich mich bisher vor jeglichen Aktivitäten auf einem Boot gedrückt, weil ich nicht besonders seefest bin (siehe unsere Fährfahrt nach Island), doch bei so gutem Wetter, spiegelglatter See und Besuch von Zuhause, hatten meine Ausreden einfach keine Chance und ich überwand mich letztendlich. Eine fantastische Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Sicherheitshalber hatte ich vor Abfahrt noch eine Banane auf meinen nervösen Magen gelegt, am Ende war das Wasser allerdings so ruhig, dass mir der kleine Snack erst so richtig Appetit bereitete. Das Robbenboot lud uns schon von Weitem mit zünftiger Seefahrermusik ein, sodass Jan und Benny es sich nicht nehmen lassen konnten, ein kleines Tänzchen aufzuführen. Tja, Rhythmus im Blut, bleibt eben auch auf einem Kutterkahn Rhythmus im Blut. Und tanzende (See-)Männer sind ziemlich sexy, finde ich jedenfalls. Motoren laufen, Leinen los, „Eine Seefahrt, die ist lustig“ angestimmt und ab geht er, der Hans-Peter. Der Kapitän nimmt seinen Platz hinter dem Steuer ein und Sölvi, der Robbenexperte, verteilt noch schnell Ferngläser. Tatsächlich gab es dann ziemlich viel zu sehen. Natürlich die kleinen und ziemlich großen, dicken und supersweeten Robben, die sich auf Felsen aalen, mit den Flossen klatschen oder sich hinter dem Ohr kratzen. Aber auch eine grandiose Aussicht auf die Westfjorde, einen Gletscher, Hvammstangi, viele alte, verlassene Farmen und wenn man einen Blick nach unten riskierte, faszinierende Einblicke in die Unterwasserwelt. Da das Wasser nahezu überall auf der Insel, in den Fjorden, Flüssen und Seen glasklar ist, kann man teilweise viele Meter tief Algen, Quallen und Fische erkennen, die dort eine ganz eigene Welt bewohnen. Zwischendurch gibt es lecker Zimtschnecken, heißen Kakao, kleine Teigbällchen, deren Namen ich vergessen habe und immer wieder interessante und amüsante Storys von Sölvi rund um die Robben-, Tier- und Wasserwelt, sodass die knapp zwei Stunden Bootsfahrt mir nichts dir nichts vorüber sind. Mein Fazit: So ein Selasigling sollte eigentlich jeder einmal gemacht haben, denn es gibt wirklich viel zu sehen und zu erfahren. Bei Sonne und ruhiger See macht das ganze sogar kleinen Bootsfahr-Angsthäschen wie mir richtig Freude.

 

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Islandpferde

Am  Nachmittag ging`s auf Pferd. Natürlich! Jeder richtige Islandaufenthalt beinhaltet zumindest einen Ausritt auf einem waschechten Isländer. Diese wunderbar eigenwilligen, kräftigen und freundlichen Tierchen sind etwas ganz Besonderes. Mehrere Monate im Jahr stehen sie in den Bergen, genießen die Freiheit, das saftige Gras und leckeren Bergthymian und dürfen einfach nur Pferd sein. Und auch unter dem Sattel hat man einfach nur Freude mit ihnen. Sie sind es gewohnt, ihren eigenen Kopf zu benutzen, den Weg zu gehen, der für sie am sichersten ist, und doch ihrem Reiter gefallen zu wollen. Meist muss man sie nur freundlich bitten und schwupps wechseln sie in die schönste Gangart dieser Erde: Tölt. Und dann kann man selbst im schnellen Tempo Kaffee trinken, ohne dass nur ein Tropfen daneben geht. 

 

Määääh

Absolutes Highlight der drei Tage sollte der Schafabtrieb mit anschließendem Schafabtriebsball werden. Und was soll ich sagen? Unsere Erwartungen wurden um Längen übertroffen! Schon seit über einem Monat hatte ich mich auf dieses kulturelle Ereignis gefreut, bei dem einmal im Jahr alle Bauern eines bestimmten Gebietes ihre Schafe aus dem Hochland heruntertreiben lassen, um sie anschließend wieder mit zu sich auf den Hof zu nehmen. Viele Freiwillige reiten bereits eine Woche vor dem festgelegten Termin ins Landesinnere und treiben die Schafe von Pferch zu Pferch, bis die kleinen trotteligen Zottelviecher, die gern genau das Gegenteil von dem machen, was man von ihnen erwartet, in einem riesigen Holzrondell angekommen sind. Dieser große, eingezäunte Bereich  sieht von oben betrachtet aus wie ein geschnittener Kuchen, der in der Mitte ein Loch hat. Die Schafe werden nun in Grüppchen von jeweils ca. 200 Stück in das Kuchenloch gelassen und von dort aus in die Kuchenstücke, die jeweils einem Bauern gehören und durch eine Nummer gekennzeichnet sind, sortiert. Damit das gelingen kann, hat jedes Schaf ebenfalls eine Markierung im Ohr. Und nun zum spaßigen Teil. Viele freiwillige Helfer aus dem Dorf, aber auch Saisonarbeiter und Touristen helfen jedes Jahr bei der Sortierung der vielen Tausend Schafe mit. Es ist ein notwendiges Zusammenkommen, denn die Isländer leben von den Schafprodukten, aber auch fettes soziales Happening. Hier das Rezept für ein gelungenes Schafesortieren: Man lange mit festem Griff nach den Hörnern des Schafes, das man sich und seiner körperlichen Verfassung zutraut, schwinge sein Bein über den Rücken und unterstütze das Festhalten mit leichten Druck durch die Knie, sodass das zappelige, absolut störrische Wolletier leichter zu händeln ist. Im richtigen Moment löse man eine Hand vom Horn, lese flink die Nummer vom Ohr ab, um sofort wieder fest zuzugreifen, bevor das Horn irgendwo reinpiekst, wo es richtig wehtut. Und dann ab mit dem Kameraden in sein Tortenstück, wo er sich vom Bockigsein erholen kann. 

Hört sich doch eigentlich ganz einfach an, oder? Gestaltete sich allerdings doch etwas schwieriger, als ich dachte. Vor allen Dingen, weil ich mich erst einmal überwinden musste. Bis zu meinem ersten und einzigen Schaf, das ich in eine Box sortierte, gingen mir mindestens 20 Geschichten durch den Kopf, wie ich bei dieser Aktion zu schmerzhaften Verletzungen kommen könnte. Jan hatte scheinbar die gleichen Gedanken sodass am Ende des Tages folgender Schaf-Sortier-Score zu verzeichnen war: Esther: 1 Schaf, Benny:1 Schaf, Madeline: 1 Schäfchen, Jan: ½ (sprich: zugucken und kluge Ratschläge erteilen). Aber wie heißt es so schön:  Dabei sein ist alles. 

Kurz nach Hause, den Cowboy-Staub abgewaschen und ein bisschen aufhübschen für den Ball. Als wir alle so an unseren Haaren, Wimpern und Kleidern  rummachten (während die Männer auf uns warteten), hörten wir allerdings von nebenan eine Menge Gaudi und Live-Musik, sodass wir unsere Ball-Pläne vorerst aufschoben und auf einen Swutsch bei den Nachbarn vorbeischauten. Guter Plan, wie wir sofort wussten, als wir uns durch die Balkontür ins Wohnzimmer schmuggelten. Hier wurden ausgelassen isländische Lieder mit Klavier, Gitarre und vollmundigen Gesängen intoniert. Jan ließ es sich nicht nehmen, packte seine Gitarre ebenfalls aus und war sofort Teil des Orchesters. Schön anzusehen und -hören. Schwierig wurde es kurz, als die guten Leute auch mal ein deutsches Lied von uns Deutschen zu hören bekommen wollten. Allein durch unseren absolut selbstbewussten Blick konnten wir einem Rausschmiss entgehen, denn was wir dort an Dissonanz mit „Hejo, spann den Wagen an“, „Wir lagen vor Madagaskar“, „Ick heff mol n Hamborger Veermaster sehn“ und „Über den Wolken“ ablieferten, war an Schlechtheit kaum zu überbieten (Benny, Esther und ich überboten uns quasi im schief Singen und übertönten Jan gnadenlos). Sind ein sehr tolerantes Völkchen, die Isländer. Trotzdem wurden anschließend deutsche Lieder nur noch von unseren isländischen Freunden selbst gesungen. Sicher ist sicher.

Der krönende Abschluss des Abends war der Schafabtriebsball im Gemeindehaus, in dem wir schon das Punkfestival vor einigen Wochen begleitet hatten. Die Atmosphäre war dank getaner Arbeit und „Buddel-Party-Style“ ausgelassen, eine Coverband aus Reykjavík kombinierte isländische Volkslieder und Charts in Coverband-Manier und Jan und ich schwangen endlich mal wieder das Tanzbein. So richtig mit anfassen und Schrittfolge. Großartig. 

 

Und dann war der Moment des Abschieds wieder gekommen. Doof finde ich das jedes Mal. Richtig schön doof. Aber nur, weil es so schön war, mein Wochenende mit meiner besten Freundin. Und ereignisreich. Besuch heißt ja irgendwie auch immer ein bisschen, sich aus seiner Komfortzone zu bewegen. Und das haben wir getan, alle vier. Mit heißen Bädern, auf dem Rücken von Pferden, an Bord des Robben-Kutters, in der Kuchenform voll mit Schafen und auf der Tanzfläche. Und das war gut so. Ich könnte glatt schon wieder Besuch bekommen.

 

Hier seht ihr das ganze in Bildern. Im Video-Log Nummer 10...

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