Chapter #9 - Von Heimweh, Freunden und einem Zuhause-Gefühl

 

Mein Kalender hat mich heute daran erinnert, dass es in zwei Monaten nach Deutschland zurück gehen soll. Liebe Leute, wo ist die Zeit hin? Ich habe den Verdacht, sie rennt. Irgendwann in den letzten Wochen ist sie in ihre Siebenmeilen-Stiefel geschlüpft und klammheimlich losgespurtet. Und jetzt können Jan und ich nur hoffen, dass sie zwischendurch noch Pausen einlegt, sodass sich die verbleibenden acht Wochen doch noch ab und zu ein bisschen wie „unendlich“ anfühlen. 

 

Heimweh

Andererseits...

In den letzten Wochen packte mich dann doch das erste Mal Heimweh. Ich vermisse mein Zuhause. Für mich bedeutet das nicht etwa eine Wohnung oder eine Stadt, das habe ich in den letzten Monaten gelernt. Das, was mir wirklich fehlt, was „Zuhause“ wirklich bedeutet, sind meine Freunde und meine Familie. Mir fehlt, sie jederzeit in erreichbarer Nähe zu wissen. Sich das Fahrrad schnappen, zum Café ums Eck radeln und einen kurzen Kaffee mit meiner Freundin schlürfen, meine Nachbarn vor der Haustür treffen und sich über den neuesten Kiez-Tratsch austauschen, mit Mama und Papa Forellen räuchern oder einfach den ganzen Nachmittag mit meiner Schwester im Garten sitzen, die Beine der Sonne entgegen gestreckt, und meine Nichte beobachten, wie sie den Sandkasten gießt und sich die Matsche dann in den Mund steckt. Nicht dass ich das alles jeden Tag hatte, als wir in Hamburg wohnten, aber die Möglichkeit, alles das zu tun war nicht 2.580 Kilometer, 66 Stunden Fährfahrt und 200 Euro weit entfernt. Das vermisse ich und freue mich darauf, es wieder genießen zu dürfen. Bald.

 

Nachtrag von Jan:

Mein Heimweh ist dann eher kulinarischer Natur. Ich kann Pylsur, Burger und Pizza nur bedingt ertragen und mir fehlt einfach die Vielfalt. Eine Hacklatte vom Türken, einen Tintenfisch mit Chili und Basilikum vom Thai, einen Schweinebauch vom Koreaner, eine leckere vietnamesische Sommerrolle, ´ne Currywurst mit Zwiebeln, einfach frische Zutaten aus aller Welt und natürlich die gute, deutsche Hausmannskost. Was das Essen angeht, gibt es in Island für mich keine positiven Überraschungen. Und ich liebe und brauche gutes Essen. Was hier wirklich gut ist, ist Lamm und Fisch. Immer frisch. Die Lämmer grasen ihr kurzes Leben lang auf saftigen, unbelasteten Bergwiesen und genießen die Freiheit. Ich genieße sie ebenfalls - die Einöde, und komme sehr gut klar auf die quantitativ reduzierten menschlichen Begegnungen und den unendlichen Platz, den man hier genießt. Ich liebe weitestgehend alles, was Island für kreative, musikalische Menschen zu bieten hat und bin ein Freund der kurzen Wege. Denn hier kann man Ideen ohne viel Bürokratie einfach umsetzen. Ich vermisse kein St.Pauli und auch keine U-Bahn oder S-Bahn. Meine kleine Stammkneipe hingegen, könnte ich mir vorstellen nach Island zu importieren. Denn mal eben ein Bierchen trinken gehen, ist hier nicht so. Für soziale Kontakte geht man dann ins Schwimmbad oder auf Konzerte. Ist auch ok. Das täglich wechselnde Wetter, die unfassbaren Wolkenbilder und die riesige Sonne, der riesige Mond und gelegentliche Nordlichter, lassen die Landschaft in unserem Lieblingsfjord jeden Tag in einem anderen Licht erstrahlen. Man kann so wahnsinnig weit gucken und steckt nicht als einer von vielen in Häuserschluchten fest. Und wenn dann noch die Wale vor unserer Nase ihre Fontänen in die Luft schnauben, habe ich überhaupt keine Zweifel mehr, dass das hier für mich der Place to be ist. 

 

Jeep Tour 

Dank der freundlichen Elisabeth, flatterte ein weiteres Kooperationsangebot in unser E-Mail-Postfach. Der Reiseveranstalter Katla-Travel bot uns an, ein paar Tage das isländische Hochland mit einem Toyota Land-Cruiser zu durchstreifen. Die sogenannten isländischen F-Straßen kann man nämlich nur mit einem Allrad-Fahrzeug befahren. Unser alter Willi schafft das natürlich nicht. 

Also los, den Wagen abgeholt, Zelt und Schlafsack reingeschmissen und Montag vormittag Richtung Landmannalaugar gedüst. Das Fahrgefühl war sportlich. Wenn man sich sonst mit 20km/h   in einem 35 Jahre alten VW mit 102 PS und fünf Tonnen Gewicht den Berg hochprügelt, freut man sich ein bisschen über das zügige Vorankommen. In dem Örtchen Selfoss haben wir zwei Mädels am Straßenrand gesehen, die gerade dabei waren ihr Schild zu bemalen, dass sie dann raushalten wollten, um eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern. Dazu kamen sie nicht, weil wir einfach anhielten und fragten wo es hingehen soll. Zufälligerweise wollten sie exakt die gleiche Route nehmen wie wir und so verbrachten wir am Ende den kompletten ersten Tag mit ihnen. Wir haben Wasserfälle, Hobbitlandschaften und Mondgebiete durchquert, uns den ersten Reifen zerschossen und gelernt, wie man galant Flüsse und Furten durchquert. Der Campingplatz in Landmannalaugar glich bei unserer Ankunft einer matschigen Festivalwiese. Stundenlang fuhren wir durch das nichts, um dann hier wieder einer riesigen Herde Menschen zu begegnen, die sich in einem Waschhaus wie Schafe und Schweine an den Waschbecken aufreihten, hemmungslos furzten und sich die Fertignahrung aus den Zähnen bürsteten. So langsam hat man auch genug von Kurzzeittouristen. Da wir uns bis zu unserer Zeit in Hvammstangi immer auf Campingplätzen aufhielten, haben wir so langsam einen Overkill von selbsternannten Entdeckern und menschgewordenen Jack Wolfskins. So eine Atmosphäre konnten wir gar nicht gebrauchen, machten uns ein schnelles Essen, verzichteten darauf unser Zelt im Matsch aufzubauen, legten uns ins Auto und brachen um fünf Uhr am nächsten Morgen auf. Das hat sich gelohnt – denn die Morgenstunden in den Bergen haben eine ganz besondere Magie. Nicht nur die Magie der Einsamkeit, sondern auch die des Lichts und der Ruhe. Wir machten tolle Bilder und kamen nur selten aus dem Staunen über spiegelglatte Bergseen und die Landschaft heraus. Wir fuhren drei Stunden zwischen Lava, Seen, Flüssen, Schnee und Wiesen entlang und verfielen in tiefe Demut vor der Ursprünglichkeit dieser Vulkanlandschaft. Dieser Morgen hat uns Island noch mal ein ganzes Stückchen mehr ins Herz gebrannt. Nach einem Frühstück fuhren wir weitere drei Stündchen bis nach Vík, um in der dortigen Werkstatt unseren kaputten Reifen flicken zu lassen. Hilfsbereit, unkompliziert, fertig. Dem folgte ein kläglicher Versuch, sich nochmal eine Touristenattraktion – nämlich das Wrack der 1973 abgestürzten Douglas Super DC-3 aus Amerika - anzuschauen. Kurz geparkt und dann entschieden, dass wir einfach nicht gemacht sind für derlei Attraktionen. Aber einen Klassiker haben wir dann doch noch abgegriffen, nämlich die sprudelnden Geysire in dem gleichnamigen Örtchen Geysir. Ein besonderes Geothermalgebiet im sogenannten Golden Circle. Man trifft hier nicht nur heiße Quellen, sondern auch ganz viele Reisebusse und einen Souvenirshop, in dem isländische Luft in Dosen verkauft wird. What? Egal..weiterfahren nach Thingvellir, um mal zu schauen, wie es aussieht, wenn das Auseinanderdriften der amerikanischen und europäischen Platte einen wassergefüllten Graben hinterlässt. Ehrlich? Wie ein wassergefüllter Graben zwischen zwei Kontinenten, wobei die eine Seite aussieht, wie die andere. Man kann drin tauchen. Da wurde uns erzählt, dass sich das wirklich lohnt. Klarestes Wasser und beeindruckende Unterwasserlandschaften werden dem zahlungskräftigen Islandreisenden geboten. Aber da waren wieder so viele Leute, dass wir uns dachten, lieber noch ein paar einsame Stunden mit unserem liebgewonnenen Land Cruiser zu verbringen. Wir machten uns auf den Weg nach Thorsmörk, vorbei am Seljalandsfoss. Das ist der Wasserfall, bei dem man als Mitglied einer Menschenschlange hinter das fallende Wasser gehen kann, um einen Wasserfall von hinten zu fotografieren. So spannend wie ein Stück Toastbrot haben wir telepathisch entschieden und fuhren schweigend weiter Richtung der F-Straße, die uns neue landschaftliche „Wow´s“ entlockte. Viele, viele Furten durchquerten wir mittlerweile professionell und krochen mit durchschnittlich 30km/h die steinige Piste für ca. 50km voran. Am Ende dieser Fahrbahn liegt ein idyllischer Campingplatz. Die letzte Furt allerdings war ein reißender Fluß, den wir selbst mit unserer Land-Cruiser Kampfmaschine nicht durchqueren konnten. Nur wirklich hohe Monster-Jeeps schaffen diese letzte Hürde bei diesem Wasserpegel. Naja, da mussten wir doch glatt wieder umdrehen, haben noch einmal Riesen-Furten-Spaß gehabt und haben die Nacht auf dem Campingplatz Langbrok verbracht, den wir aus dem Mai schon kannten. Am nächsten Tag war diese wunderschöne Tour auch schon vorbei und wir waren wieder in Reykjavik. 

 

Die Bilder von unserer Jeep-Tour gibt es hier & das Video hier

 

Reykjavík

Vorgestern kamen wir nach einem schönen und erfolgreichen Wochenende wieder in Hvammstangi an. Drei Tage lang waren wir mit dem Auto einer Freundin in Reykjavík unterwegs, um Freunde, Bekannte und Musiker zu treffen. Ein ordentliches Programm, schön und arbeitsintensiv. Sonnig und bunt. Unser Freund Breki räumte extra sein Zimmer und zog ins Obergeschoss zu seiner Mutter, damit wir einen Platz zum Schlafen hatten. Wie süß ist das bitte? Das ganze Wochenende über hatten wir ziemlich viel Spaß und bekamen sogar eine kleine, kostenlose Nachhilfestunde in Isländisch. So langsam wird das was. Wobei Jan mit Abstand an mir vorbei zieht. Egal wo wir sind, er quasselt immer einfach drauf los und verlässt sich darauf, dass die Isländer ihn verstehen und im Notfall verbessern. Das funktioniert fantastisch. Ich bin da etwas „schüchterner“. Und doch: Manchmal traue ich mich sogar schon einen „Kaffi“ zu bestellen. Wusstet ihr, dass die Isländer nicht „Einen Kaffee, bitte“, sondern immer „Einen Kaffee, danke“ bestellen? Ich finde, in diesem kleinen Satz spiegelt sich die Mentalität dieser wunderschönen Insel perfekt wider. Um etwas bitten ist doch gemeinhin lediglich eine Höflichkeitsfloskel, die wir dazu verwenden, andere Menschen aufzufordern, etwas für den eigenen Nutzen zu tun, während Dankbarkeit bzw. das „Danke“ in „Kaffi, takk“ dem Gegenüber schon während der Bestellung ein gutes Gefühl zu geben vermag. Gefällt mir irgendwie.

Unseren Freitag widmeten wir dem Melodica Festival in Reykjavík. Vor einiger Zeit hatten wir für unsere Freunde und Organisatoren vom Melodica das Crowdfunding-Video gedreht und freuten uns jetzt natürlich mit ihnen, dass sie ihr Fundingziel erreicht und mit dem gesammelten Geld den ausländischen Musikern die Flüge bezahlen konnten. So waren Publikum und Acts im KEX Hostel international, bunt zusammengewürfelt und zufrieden. 

In Reykjavík trafen wir auch Ólafur wieder und verbrachten mit ihm (mal wieder) einen fulminanten Abend. Nachdem wir alles Musikalische für die nächsten Wochen (noch geheim) besprochen hatten, widmeten wir uns dem privaten Teil des Abends und spielten „Guilty pleasures“. Was zur Hölle ist „Guilty pleasures“? Hier die Spielregeln: Mann und Frau setzen sich gemütlich mit einem Getränk der Wahl an einen Platz der Wahl. Aufgeschlossen sollte man sein, bereit sich zu öffnen. Gebraucht werden ein Computer, wahlweise auch ein Handy, eine Internetverbindung, ein Musikprogramm (Youtube, Spotify etc.) und eine gehörige Portion Mut. Im Uhrzeigersinn spielt man sich nun seine Lieblingssongs vor. Doch nicht irgendwelche. Nein. Man nehme diejenigen, die man selbst richtig klasse, berührend und aufregend findet, andere Menschen aber grundsätzlich nur mit einem Naserümpfen bedenken. Weil sie die Songs peinlich, komisch oder musikalisch nicht wertvoll finden. Man selbst weiß das natürlich und hat seine „Guilty pleasures“ deshalb bisher geheim gehalten. Ein großartiges Spiel, bei dem man eine Menge zu lachen hat.

Am Samstag trafen wir Haukur (Dikta) wieder, der uns beim letzten Treffen mit der Band ausführlich von seiner Liebe zu Fritz-Kola berichtet hatte. Zufälligerweise war in der Zwischenzeit eine Freundin aus Island in Deutschland gewesen und hatte uns vier Flaschen des braunen Getränks mitgebracht, das wir ihm nun überreichen konnten. Ist irgendwie witzig, wie sich manche Menschen über Kleinigkeiten freuen können.  

 

Hvammstangi

Beflügelt und bepackt mit frischem Ton-, Foto- und Videomaterial ging es dann also zurück in unsere Homebase Hvammstangi. Hier haben wir ja in letzter Zeit schon einiges erlebt. Wer ab und an mal auf unsere Homepage oder Facebook-Seite reinschnuppert, kennt bereits Jóhann, mit dem wir ein zauberhaftes Musikvideo gedreht haben und auch unseren kleinen Zusammenschnitt vom Norðanpaunk. Doch auch ganz private schöne Momente erlebten wir hier. 

Letztens waren wir auf einem Minifestival an der Spitze des Fjords und wohnten einer waschechten Island-Scheunenparty bei. Mit Stall, Heu, Holzbänken und Island-Pullis so weit das Auge blicken konnte. Unsere Freunde aus dem Ort gaben hier ein tiptop Cover-Konzert mit schmissigen Hits von Nirvana und Co. 

Mittlerweile sind wir hier eine richtige kleine Familie. Wir verbringen viel Zeit miteinander, gehen reiten, in hotte Hot Pots, veranstalten schnuckelige Grillabende und spielen mittlerweile sogar Volleyball im Dorfverein. Auch Landrover-Rolf und Jan-Erik mit seinem Wohnwagen schauen ab und zu vorbei. Letzte Woche haben wir symbolisch für unsere wachsende Familienbande einen Stachelbeer-Strauch im Garten gepflanzt. Auf das er genauso wächst und gedeiht wie wir.

  

Hier geht´s zum Video-Log Nummer #9

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Daniela (Donnerstag, 01 September 2016 09:12)

    Ich schaue regelmäßig auf Eurer Seite vorbei, immer gespannt darauf, was Ihr wieder gemacht und erlebt habt. Ihr begeistert mich nicht nur mit tollen Bildern, besonders gelungen finde ich Eure Berichte. Schön, dass ich so bei Eurem Abenteuer "dabeisein" kann. Habt noch eine schöne Zeit und genießt das Leben.