Chapter #8 - Islands Norden Und wie wir uns in Hvammstangi heimelig fühlen

Hvammstangi ([kwammstangi]). Hierher hat uns unsere Suche nach Ruhe, neuen Erfahrungen und guter Musik geführt. Ein kleines, süßes Städtchen im Norden Islands, mit 600 Einwohnern. Auf den ersten Blick hält Hvammstangi im Sommer Winterschlaf, möchte man meinen, um im nächsten, ehrlicheren Moment als kunterbunte Wundertüte verkleidet zu explodieren. Ein ereignisreiches, musikalisch-kreatives und gesellschaftliches Leben pulsiert hier hinter den Kulissen, die dem Roadtrip-in-10-Tagen-Touristen (leider, ob der verpassten Gaudi, oder zum Glück für die intakte Dorfgemeinschaft, ich kann mich nicht entscheiden) entgehen. Ob das auf dem Land überall so ist? 

 

Aller Anfang ist ziemlich schnell gemacht

Wir wurden in Hvammstangi jedenfalls empfangen von einer unsäglichen Natur (immer wieder denkt man hier in Island, dass es schöner gar nicht geht, und jedes Mal aufs Neue muss man sich eingestehen, dass man mal wieder falsch lag), recht sommerlichem Wetter und zwei kleinen Kaffeeklatsch-Terminen mit deutschen Frauen, die vor einiger Zeit nach Island ausgewandert sind und uns schon in Deutschland kontaktiert hatten. Ziemlich gute Kombination. Und auch dieses Mal hatten wir schon nach einem ersten Treffen mit ansässigen Leutlein den Grundstein für zwei wundervolle Wochen mit musikalischen Ereignissen gelegt. Gleich am nächsten Tag sollten wir nämlich Silli treffen. Silli ist so etwas wie die Exekutive für Musik in Hvammstangi. Er ist Gründer eines Kulturforums, Tonmensch für viele isländische Bands und selber (wie sollte es auch anders sein?) Musiker. Er ist Organisator, Multiplikator,  Selbermacher für alle musikalischen Belange und im Ort bekannt wie ein bunter Hund. Und obendrein noch unfassbar nett und engagiert, Menschen zusammenzubringen. Mit einer handvoll Telefonnummern, Namen (die wir immer noch nicht richtig aussprechen können, shame on us) und Ideen in der Tasche fingen wir also an, uns in Hvammstangi vorzuarbeiten.

 

Oskar – Rockstar seit immer

„Ich kenn` da jemanden, den müsst ihr unbedingt treffen“, beschwor uns Silli. So ging das mit Oskar los. „Oskar wollte in seinem Leben nichts anderes, als Rockstar werden. Und er hat in seinem Leben eigentlich alles erreicht, außer dass er tatsächlich Rockstar geworden ist.“ In Sillis Erzählungen klang das witzig, skurril und sogar ein bisschen traurig zugleich. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, was uns erwarten würde, wenn wir diesen Oskar träfen. Wir wussten von Silli, dass er total aufgeregt war, weil wir ihn interviewen wollten. Alle anderen Gefühle zu diesem Treffen waren eher diffus. Die Fahrt zu Oskars Farm auf der anderen Seite des Berges passte jedenfalls schon mal zur leicht schrägen Gesamtsituation. Willi musste ziemlich hart arbeiten, um die Schotterstraße bergauf und bergab halbwegs schweißfrei zu überstehen und zwischendurch mussten wir immer wieder anhalten, um tiefkriechende Wolken am Fuße von Berghängen, die wie verirrte Nebelschwaden aussahen, zu fotografieren. Was die Natur hier zaubert, habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Irre. Und manchmal gruselig gleichermaßen. Noch am See, Hunderten Schafen, Islandpferden und einer Menge Nichts vorbei und dann sollte rechts Oskars Farm liegen. Sagte uns jedenfalls die Karte voraus, in der alle kleinen Farmen in der Umgebung eingetragen waren und die wir zu diesem Zwecke glücklicherweise gefunden hatten. Mit Google Maps ist man hier verloren. Die Farm entpuppte sich als ein graues, verwittertes Haus mit anliegender ebenso liebesbedürftiger Scheune. Es wuchs zweistöckig aus dem Nichts. Die Zufahrt zur Farm schien unendlich zu sein. Kribbeln im Bauch. Parken. Motor aus. Durchatmen, aussteigen.

Und dann waren wir da und alles war ganz anders als wir uns das vorgestellt hatten. 

Zu unser Überraschung war es nicht der in unseren Köpfen ominös zurechtgedachte Oskar, der als erster aus der Tür trat, um uns zu begrüßen, sondern zwei kleine Mädchen mit blonden Zöpfen. Zwillinge mit roten Pullovern und lila Ohrenwärmern. Erstaulich, wie ein winziger Moment alles wegwischen kann, was sich in den vergangenen 45 Minuten in den Köpfen von Menschen abgespielt hat. Auch Oskar war ganz anders als wir ihn uns vorgestellt hatten. Jünger, vitaler und wesentlich cooler, als gedacht. Drei Stunden saßen wir mit ihm zusammen, tranken Kaffee, interviewten ihn, sahen uns mit ihm seine Schafschädelprodukte an und hatten eine ziemlich gute Zeit. Oskar ließ uns an vielen Stückchen seines vergangenen Lebens teilhaben und erzählte mit Inbrunst von seiner Liebe zur Rockmusik der 80er. Vieles von dem, worauf Silli uns versucht hatte vorzubereiten, war wirklich so, und im gleichen Zuge doch ganz anders, jetzt wo wir es von Oskar persönlich hörten. Tatsächlich hatte Oskar alles dafür getan, Rockstar zu werden. Die drei Topoi Sex, Drugs und Rock´n Roll waren sein Gesetz. Kennt man ja. Allerdings beschränkte Oskar sich beim Rock´n Roll darauf, Konzerte zu besuchen, anstatt selbst welche zu geben und zum Ausgleich die beiden ersten Lebensweisheiten umso intensiver zu befolgen. Mit dem Ergebnis, dass das mit dem Musizieren Oskars Meinung nach irgendwie nie so richtig irgendwo hingeführt hat. Aber eine Band hat er und ja, sie hätten im letzten Jahr einige Songs aufgenommen. Schüchtern war Oskar, als wir ihn nach einer kleinen, musikalischen Live-Einlage fragten, er zierte sich richtig. Jan und ich ahnten Schlimmes und überlegten uns insgeheim schon, wie wir möglichst diplomatisch gucken konnten, wenn uns das, was wir da zu hören bekamen, nicht gefiel. Mittlerweile war Oskars Freund und Bassist seiner Band Halli eingetroffen und brachte zwei Songs mit, die wir uns statt der Live-Performance anhören sollten. Gefasst auf das, was da kommen sollte, setzten wir unsere nettesten „Ist-doch-gar-nicht-so-schlecht“-Gesichter auf und... Unsere Kinnladen klappten runter. Scheinbar hatten Oskar und Halli das mit dem Rock´n Roll doch irgendwie verstanden und litten lediglich unter völliger Selbstunterschätzung. Das war astreiner Blues-Rock.  Keine Frage. Fette Riffs unterlegten Oskars Südstaaten-Stimme und der Groove nahm uns sofort mit. Kann man nicht meckern und muss man gut finden. Fanden wir. Alles richtig gemacht, Oskar. Vielleicht musstest du die Frauen und Drogen erst hinter dir lassen und eine kleine zuckersüße Familie gründen, um deepen Shit zu machen. 

 

Eldur í Húnaþingi, Kunstfestival

Langsam müssen wir wirklich einsehen, dass die musisch-kreative Bildung hier auf einem ganz anderen Niveau ist als in Deutschland. Oder mit Jan`s Worten: „So gut, wie dieser Hühnerbauer singt, damit würden die Leute in Deutschland schon denken, dass sie berühmt werden und hier sind sie einfach nur singende Hühnerbauern.“ 

Dieser besagte Hühnerbauer existiert wirklich. Und gesehen haben wir ihn beim Kunstfestival in Hvammstangi. Das alljährlich stattfindende viertägige Festival hatte einiges Musikalisches zu bieten und dieses Jahr waren wir mittendrin. Wir haben uns Sillis Band „Kamp Knox“ angeschaut, die das erste Mal seit zehn Jahren einen Gig hatten (und sich dafür außerordentlich gut schlug), ein zauberhaftes Konzert in einem Vulkankrater besucht und beim Mello Musika, dem Abend für die lokale Musikszene, eben jenen Hühnerbauern namens Skúli, der gemeinsam mit seiner Tochter musizierte, bestaunen dürfen. Und irgendwie kam es, dass Jan auch gefragt wurde, ob er aufspielen will. Er konnte Oskars Bandkollegen Halli an der zweiten Gitarre gewinnen und zusammen spielten sie drei Songs von Jan vor isländischem Publikum. Die Atmosphäre war wunderbar. Es fühlte sich an, als wären wir tatsächlich angekommen. Wir saßen da (ich im Publikum und Jan auf der Bühne) zwischen den Menschen aus Hvammstangi, überwiegend Isländern, und genossen gemeinsam einen Abend mit Hühnerbauer Skúli, der Musiklehrerin, die auf der Bühne Teil eines A capella-Quartetts war, dem Typen aus der Wollfabrik, der jetzt den Abend moderierte und dem Gitarristen, der die Tage normalerweise auf seinem Fischkutter verbringt. Richtig wohlig und ein bisschen wie Heimat hat sich das angefühlt. Wir gehörten dazu und niemand fand das komisch. Auch am nächsten Tag nicht, als wir uns wie alle anderen beim Familientag in die wartende Schlange einreihten, um uns kostenloses Lammfleisch und Kartoffelsalat abzuholen. Herrlich.

 

Akureyri

Weil wir Besuch aus Deutschland super finden (ich glaube, ich erwähnte das bereits), mussten wir zwischendurch unbedingt nach Akureyri, denn Jan`s Kumpel und ehemaliger Bandkollege Malte spielte dort mit seiner Deep Purple Tribute Band. Also rein in Willi und ab auf einen kleinen Ausflug. Akureyri ist richtig schnuckelig. Hier findet man überall die kleinen, süßen und bunten Holzhäuschen, die man romantisiert mit Island in Verbindung bringt. Dazu gibt es einen schönen Hafen und dahinter die Berge. Außerdem habe ich auf dem Weg dorthin meine neue Lieblingslandschaft auserkoren. Der Norden Islands ist einmalig!

Wir hatten eine ziemlich gute Zeit mit Malte und auch am nächsten Tag, als wir das Konzert der Band „Sniglabandid“ besuchten. Diese Band feiert mittlerweile 30-jähriges Bühnenjubiläum und ihre Mitglieder sind somit wirklich alte Hasen der isländischen Musikszene. Das war wieder einer der „Die müsst ihr unbedingt treffen“-Tipps von Silli (der by the way ihren Ton machte) und auch das lohnte sich. Leider lag ich am nächsten Tag, als Jan den Sänger Skúli in seiner Musikscheune besuchte, mit einer fetten Erkältung flach, aber die Videos sprechen für sich. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Cooler Typ mit einer noch cooleren Location. Zu guter Letzt trafen wir uns noch mit Tanja von teilzeitnomaden.de. Irgendwie sind wir über Facebook gegenseitig aufeinander aufmerksam geworden, wollten uns schon in Reykjavík treffen, haben uns verpasst und den Kaffeeklatsch dann in Akureyri nachgeholt. Tanja umrundet Island mit dem Rad für einen guten Zweck. Das gespendete Geld, das während ihrer Reise zusammenkommt, fließt einer Institution zu, die Kinder von krebskranken Erwachsenen aufnimmt und psychologisch und therapeutisch betreut. Eine tolle Aktion, die wir mit Soundtracking gerne unterstützen. 

 

Und sonst so?

Wir genießen das Leben! Und wir lieben unsere Arbeit. Es fühlt sich so richtig an, selbst zu entscheiden, wie wir die Dinge angehen und zu sehen, dass es funktioniert. Wir bekommen wunderbare Rückmeldung von Menschen, die uns auf unterschiedlichen Kanälen des WWW verfolgen, von Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, von Außenstehenden, die wir auf unserer Reise kennenlernen und das macht uns jeden Tag glücklicher. In unserer Freizeit gehen wir angeln, stricken, wandern, reiten, halten hier und da ein Pläuschchen und freuen uns darüber, dass wir den Schritt nach Island getan haben. Wir fühlen uns einfach pudelwohl hier. Island und sein Völkchen machen es einem wirklich leicht, sie zu lieben.

 

Hier geht`s zum Video-Diary #8

 

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