Chapter # 7 - Wie Island Fußball macht und wir irgendwann trotzdem "bless bless" sagen mussten

Schon sind wieder fast drei Wochen um, seit ich den letzten Blog-Eintrag geschrieben habe. Einfach irre. Die Zeit vergeht hier wie im Flug, mir nichts dir nichts sind einezweidrölf Wochen um und so richtig merken wir das gar nicht. Hoffentlich wird die Zeit bald wieder ein bisschen langsamer, sonst müssen wir wirklich schon quasi übermorgen nach Hause. Und das wäre irgendwie doof. Denn es scheint mir fast, als würde es immer schöner hier.

 

Wo war ich denn beim letzten Mal stehen geblieben? 

Achja, unser bester Olli ist wieder zurück nach Hamburg gereist. Jan und ich sind geblieben. Und klar war das ein bisschen traurig, aber ehrlich gesagt habe ich mich schon so auf unseren nächsten Besuch gefreut, dass die Traurigkeit sich nur in einem kleinen Seufzer äußerte. Meine langjährige Freundin Sandy war im Anmarsch und das hat mich richtig kribbelig gemacht. Erstens weil sie meine ganz alleine Freundin ist (auch wenn Jan und sie sich auch sehr mögen) und zweitens –  das hatte dann eher so einen sozialen, gemeinschaftlichen Grund – weil wir dann endlich wieder Siedler spielen konnten. Siedler? Ja, genau. Ich war eigentlich nie der große Gemeinschaftsspiele-Spieler. Früher konnte es einfach niemand mit mir und zum Beispiel Monopoly zur gleichen Zeit aushalten, denn Verlieren hat mich zu einer kleinen Hexe werden lassen, außerdem habe ich die meisten Spiele überhaupt gar nicht spielen können, weil ich mich beim Spielregeln-Erklären höchstens fünf Minuten konzentrieren wollte und somit nie genau wusste, wie das Spiel eigentlich gespielt wurde. Aber Siedler hat mich gepackt. Ganz ehrlich. Auch wenn ich verliere. Wieder ganz ehrlich.

Auf jeden Fall habe ich mich irrsinnig gefreut, bekannte Gesichter um mich zu haben und Zeit mit einer Freundin zu verbringen. Jan und ich stellen hier auf Island erst richtig fest, dass es gar nicht so selbstverständlich ist, dass einem die Freunde immer folgen, egal wohin es einen verschlägt.

 

Wenn ich jetzt so an die letzten Wochen zurückdenke, gab es so einige Dinge, die ich früher nie gemacht habe bzw. hätte und neuerdings fast schon genießen kann. Ganz oben auf dieser Liste (ich schätze fast an erster Stelle) ist Fußball schauen. Ja, ich weiß, wenn man so etwas sagt, macht man sich meistens keine Freunde, denn Fußball ist für die meisten quasi so obsolet wie Politik, aber wenn es denn nun einmal so war... Seitdem ich denken kann, boykottiere ich Fußball. Die Gründe seien dahingestellt, denn das wirklich wichtige an dieser Geschichte ist (vielleicht nicht so wichtig, aber bemerkenswert), dass ich völlig, und ich meine absolut freiwillig zu einem Public Viewing gegangen bin. Und wisst ihr was? Ich habe es keine Sekunde bereut. Nicht unbedingt wegen des Fußballs an sich, so schnell bin ich dann doch nicht von meinen Prinzipien abzubringen, sondern wegen der vielen kleinen und großen GänsehautSpannungFröhlicheGesichter-Atmosphäre-Momente. Und das lag nicht zuletzt an diesen unfassbaren Wesen, die hier leben. Im Spiel Frankreich gegen Island hatten die Isländer spätestens nach der Halbzeit eigentlich gar nichts mehr zu lachen oder zu feiern, dachte ich mir mit meiner deutschen Mentalität und war fast schon ein bisschen traurig, dass ich nun keine Möglichkeit bekommen würde, die Isländer mal richtig ausflippen zu sehen. Ganz ehrlich? Wie beschränkt von mir... Ich musste nur einmal den Blick über die Menge vor dem riesigen Bildschirm gleiten lassen und konnte trotz des bedrückenden Spielstandes von 4:0 eine zwei mal zwei Meter große, unbehelligte Frankreich-Fahne inmitten der mit rot-weißen Kreuzen geschmückten Menge sehen. Und nach jedem Tor klopfte mindestens ein Kreuz einem Baguette auf die Schulter. Richtig gerührt hat mich das. Allerdings war das noch gar nichts im Vergleich zu dem, was nach dem Spiel passieren sollte. Vielleicht hat der ein oder die andere meine – ich gebe zu etwas verwackelten – Live-Videos bei Facebook verfolgt? So viel Liebe, Party und erhabene, mutmachende Gesänge habe ich in meinem Leben noch nie gesehen, wenn die eigene Mannschaft verloren hat. Mit verlorenen Fußballspielen verbinde ich normalerweise eine Bandbreite von enttäuschten Menschen, die manchmal nur ihre Schultern hängen lassen und ein oder zwei Tränchen verdrücken, bis hin zu den wirklich abscheulichen Krawallmachern, die ihren Frust an anderer Leute Eigentum oder im schlimmsten Fall an den gegnerischen Fans auslassen. Nichts dergleichen in Reykjavík. Downtown Reykjavík hat ihre Mannschaft gefeiert, besungen und bestaunt, als wären sie die Sieger. Und das waren sie ja irgendwie auch. Sieger der Herzen. Nicht zuletzt wegen der couragierten Attitüde der isländischen Nationalmannschaft, die Frankreich den Sieg und sich selbst eine faire Teilnahme mit unsäglichem Support der eigenen Leute gegönnt hat. Solch ein Fußball kann sogar mir gefallen.

 

Soundtracking : Iceland. Auch da war wieder einiges los.

Ein kleiner Durchbruch – würde ich jetzt einfach mal so nennen, ohne Jan gefragt zu haben – war unsere kleine Open Mic Session, die wir auf der Reykjavík Campsite organisiert haben. Und das hatte einen besonderen Grund: In den letzten Wochen habe ich ja immer fleißig davon berichtet, dass Jan, nach kurzen Anfangsschwierigkeiten, einiges Musikalisches zusammengeschrieben und aufgenommen hat. Das war nicht wirklich etwas Neues für ihn, allerdings stand er bisher noch nie mit seinen eigenen Songs ganz allein auf der Bühne. Für mich als Freundin – und ich gebe zu, ich bin nicht ganz unbefangen – war das etwas ganz Besonderes. Zu sehen, wie sich die Songs im Laufe unserer Reise entwickelt haben, welche Kämpfe Jan mit ihnen ausgefochten hat und wie er letztendlich so zufrieden mit ihnen sein konnte, dass er andere Menschen daran teilhaben ließ. Schon wieder gerührt. Ich.

Beim Open Mic haben wir auch Ólafur wiedergetroffen, den wir einige Wochen zuvor schon einmal Zuhause besucht hatten, weil er uns als begnadeter Sänger angepriesen wurde. Wie sich herausstellen sollte, fanden wir seine Sangeskünste großartig. Sie hatten diesen speziellen isländischen Sound, zumindest das, wir uns darunter vorstellen. Also musste eine erste Aufnahme her, die ihr sicher schon bei Facebook oder auf unserer Homepage gefunden habt. Zusammen mit Jan spielte Ólafur das zauberhafte Lied „Glerperla“, was tierisch traurig und hoffnungsvoll zugleich klingt. Ich denke, wir haben da einen richtigen Glücksgriff gemacht und werden den Song in den nächsten Wochen noch einmal in Studio-Qualität aufnehmen, sodass ihr euch auf Ólafur als unseren ersten richtigen Musikact für das Album freuen dürft.

In Reykjavík hat es sich derweil in Musikerkreisen so langsam herumgesprochen, dass es uns gibt und so kommt es, dass uns immer mal wieder Menschen fragen, ob wir nicht Lust hätten, neben unserer eigentlichen Arbeit für Soundtracking : Iceland mit ihnen zu kooperieren. Vor einiger Zeit haben wir schon das „Sofar Sounds“-Happening gefilmt und vor zwei Wochen wurden wir dann von den fantastischen Menschlein vom „Melodica“-Festival angefragt, ob wir uns vorstellen könnten, ihre Crowdfunding-Kampagne zu unterstützen, indem wir mit ihnen das Promotion-Video drehen. Da wir selbst wissen, wie unglaublich aufwendig eine Crowdfunding-Kampagne ist und wie dankbar wir für Hilfe von Freunden und Bekannten waren, haben wir uns diesen Spaß nicht entgehen lassen. Entspannte und lustige Dreharbeiten waren das mit Melina (Festival-Organisations-Biene aus Hamburg und vor einigen Jahren nach Reykjavík ausgewandert) und den Musikern Pete Uhlenbruch und Svavar Knútur.

Wir haben in den letzten Wochen auch wieder fleißig Konzerte besucht. Unter anderem von der isländischen Band Samaris, aber auch ziemlich abgefreakter Syrer, der scheinbar von Björk total abgefeiert wird,  kam uns vor die Linse. Unser Vlog reißt das Spektakel kurz an.

Und dann haben wir den Produzenten und Musiker Petur Ben für unser Projekt begeistern können und ihn einmal nach seinen Eindrücken zur isländischen Musikszene gefragt. Wegen seiner Zusammenarbeit mit vielen tollen isländischen Musikacts wie „Valdimar“ und „Mugison“ und das Komponieren der Filmmusik des isländischen Filmklassikers „Metalhead“ war das Interview mit ihm eine gute Ergänzung zu unseren Interviews mit den Musikern der Insel und wird sicher eine große Bereicherung für unsere geplante Dokumentation.

 

Nachdem wir mal wieder drei Wochen fast ununterbrochen gearbeitet hatten, ohne Wochenende und bis zu zwölf Stunden täglich, packte es uns letzte Woche dann ganz plötzlich. Dieses Gefühl ploppte auf. Gummibandeffekt nenne ich es liebevoll. Um es kurz zu machen: wir wollten, wir mussten weg. Wir wurden von anderen Orten angezogen und von Reykjavík aus Erholungsgründen abgestoßen. In Reykjavík Pause machen kam einfach nicht in Frage, denn letztendlich ist dort einfach viel zu viel los, was uns immer wieder in seinen Bann zieht. Nein, wir mussten fahren. Wir hatten soweit alle Termine erledigt, die nächsten, schon festgesetzten Treffen werden erst Anfang August stattfinden. Also rein ins Auto und ab in Richtung Norden. Nächstes Ziel: das kleine Städtchen Hvammstangi, von dem wir über Facebook schon vor unserer  Reise nach Island erfahren hatten. Hierhin wurden wir eingeladen und schon darauf vorbereitet, dass es einiges musikalisches zu erfahren gibt. Dazu aber erst beim nächsten Mal mehr. 

Bevor wir nämlich überhaupt an weitere Arbeit dachten, kam die Erholung. Und mittlerweile wisst ihr ja vielleicht, was das für uns bedeutet. Huschhusch in die Natur. Ganz schnell. Und die ist besonders schön, wenn es Richtung Westfjorde geht. Auf einem klitzekleinen Campingplatz, auf dem nur wenige und fast ausschließlich isländische Menschen waren, hielten wir an, legten uns ins Bett und ruhten. Die Strapazen wegschlafen. Und die Anstrengung entspannen. Stille, Berge, Bäche, Lava und unser erster Natur-HotPot. So kann man sich erholen. So kann man sein.

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