Chapter #4 - Learning by doing oder "Wie macht man das auf isländisch?"

Reykjavík is where your heart is. Habe ich mir zurechtgedacht und es stimmt irgendwie. Nachdem wir jetzt drei Wochen in der Natur unterwegs waren, zog uns die Hauptstadt doch jeden Tag aufs Neue magisch weiter in ihre Richtung. Bei aller Wunderschönheit of the wild wussten wir doch, dass unser Herzensprojekt hier endlich rhythmisch zum Schlagen kommen konnte. Und dann war es endlich soweit. Und Reykjavík nahm uns in sich auf.

So richtig Gedanken hatten wir uns nicht gemacht, wie das mit dem Schlafen in den nächsten Wochen ablaufen sollte. Einfach irgendwo an den Straßenrand stellen und da das Lager aufschlagen ging nicht und mehrere Wochen auf dem einzigen Campingplatz in der City zu übernachten sprengte unser Budget bei Weitem. Campingcard-Kooperation? Fehlanzeige. Doch dann ergab sich der erste von vielen glücklichen Zufällen. Die Campsite in Reykjavík nimmt dann und wann Volunteers auf. Für wenige Stunden Aushilfe in der Woche, kann man sich frei und kostenlos auf dem Gelände bewegen und campieren. Wunderbar. Hier blieben wir.

Nach einem ausgiebigen Grillfest zollte die Aufregung über unsere neue Etappenheimat ihren Tribut und wir fielen glücklich mit uns und der Welt zufrieden in Willis Federbett. Gut so, denn der nächste Tag hielt unsere erste Aufgabe als Grünschnabel-Volontäre bereit: Fenster putzen. Jan freute sich riesig über seine Aufgabe („Fenster putzen ist besser als Toiletten putzen“) und ich fand es ehrlich gesagt nur so mittel. Ich hätte wirklich lieber Klos geschrubbt. Zwei Sachen gibt es nämlich in meinem Hausfrauen-Leben, die ich wirklich nicht mag, fast schon verabscheue: Fenster putzen, und – das ist eindeutig das schlimmste von allen Hausarbeiten – Bügeln. Letzteres wird mir hoffentlich erspart bleiben.

So, genug gemeckert. Denn zum Meckern gab es die Woche über so gut wie gar nichts. Eine freudige Abwechslung zum Lagerkoller der vergangenen Woche. Alles war so wie, und eigentlich noch schöner als wir es uns vorgestellt hatten. Wir schauten uns diverse Bands im pulsierenden Nachtleben Reykjavíks an und fanden das alles ziemlich knorke.

Im Kex Hostel trafen wir zum Beispiel Frida, die bei guter Jazzmusik ihren Geburtstag feierte. Frida ist Soundtracking Fan der ersten Stunde und fragte uns spontan, ob wir nicht Lust hätten, ihr Gesellschaft zu leisten. Hatten wir. Und es war ein reizender Abend.

Mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, ist hier irgendwie leichter als in Deutschland. Vielleicht liegt das daran, dass man unterwegs ist und mehr auf die Kommunikation mit Leuten angewiesen ist, aber ich denke, die Serviceorientiertheit (eines von Jans Lieblingsworten, weiß der Geier, warum) der Isländer trägt ihr Übriges zur Kontaktfreude bei. Unglaublich nett und zuvorkommend sind sie, allerdings auch sehr direkt. Ich mag das.

Also schnell ins Gespräch zu kommen, war kein Problem. Aber verbindliche Verabredungen treffen: ging so. Und das lag keinesfalls an den isländischen Musikern, weil die keine Lust hatten oder so. Vielmehr hatten wir irgendwie noch nicht so richtig den Durchblick, wie man hier miteinander sprach. Quintessenz dessen, was wir nach Woche 1 in Rvk wissen, ist: Vermeide Worte wie „vielleicht“, „eventuell“, „irgendwann“ oder Phrasen wie „es wäre doch schön, wenn...“, „Lass uns doch einmal versuchen...“. Benutze niemals den Konjunktiv, wenn du ernsthaft daran interessiert bist, jemanden zu treffen. Und gewöhne dir an, ein genaues Date festzulegen, an dem etwas ganz Spezielles, an einem bereits ausgekundschafteten, ebenfalls festen Ort stattfindet. Und dann sei geduldig. 

Manchmal braucht es eben seine 3-7 Tage, bis man das weiß, und so beschränkte sich unsere Musiker-Kommunikation in der Reykjavík-Kennenlernphase auf: „Hey, das ist ja ein spitze Projekt. Klar habe ich Lust, was mit euch zu machen. Ja, ich melde mich dann.“ Fertig. Also gingen wir weiter auf Konzerte und schrieben uns die Finger wund, um dann nur wenige Mails zurückzubekommen. Aber alles halb so wild. Wunderschön war es trotzdem. Zum Beispiel, als wir bei unserem zweiten Kex Hostel Besuch die einzigartigen Boys von Fufanu wiedertrafen. Wer unseren Blog aufmerksam verfolgt, weiß, dass wir sie vor einigen Wochen in Hamburg im Molotow gesehen hatten und völlig aus dem Häuschen waren. So auch diesmal. Wir haben selten eine so präsente, musikalisch vielschichtige und hämmernde Band gehört und gesehen (Außer vielleicht unsere Neuentdeckung 2015 „Milliarden“, aber die sind irgendwie nicht so isländisch). Wirklich einmalig. Im Gaukurinn, einer witzigen Bar in Downtown, die vor den Konzerten immer ein Nerdquiz veranstalten, bei dem die Moderatorin richtig laut ins Mikro schreit und so eine Jahrmarkt-Intonation drauf hat, sahen wir noch die Band „Erik“. Jan war ganz verzaubert von dem Sänger und der leicht schrägen Band. 

Diese neuen Eindrücke und musikalischen Leckerbissen brachten auch Jan richtig in Fahrt. Er saß in Willi und musizierte sich einen ab. Heute Schlager, morgen Rap und dann wieder leise Töne. Alles, was die letzten Wochen nicht so richtig flowen wollte, kam jetzt aus ihm raus. Und wartete nur auf seinen Einsatz. Zunächst nicht mit isländischen Musikern (aus den bereits genannten Gründen), aber auf dem Campingplatz trafen wir Laurie und Jerome. Beide kamen aus Quebec, waren seit zwei Wochen mit dem Rucksack unterwegs und verbrachten ihren letzten Abend auf dem Gelände. Sie saßen auf den Stufen des angrenzenden Hostels und schwangen (unheimlich laut und schwer zu überhören) französische Lieder. In Quebec spricht man nämlich eigentlich Französisch, obwohl das in Kanada liegt. Ich hatte ja keine Ahnung... DIE Gelegenheit für Jan einen kleinen Jam vom Zaun zu brechen. Und siehe da: Laurie entpuppte sich als Naturtalent für das Erdichten von unzusammenhängenden, aber wortwitzigen Gesangselementen, aus denen ein Bicycle-Song resultierte. Ein durchaus gelungenes Stück, das manuelle Technik, melancholische Tonarten, bilinguale Semantik und den Vibe von Interkulturalität in Island repräsentierte. Voilá.

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