Chapter #3

Lagerkoller. Jetzt schon. Ich hatte gehofft, dass dieses zwangsläufig irgendwann einsetzende „Ich-weiß-nicht-wohin-mit-mir“-Gefühl noch ein bisschen auf sich warten lassen würde, aber irgendwie holte es uns in Woche zwei schon gnadenlos ein. Vor lauter Aufgaben, die wir uns selbst auferlegt hatten, wurden wir gnatschig. Dies musste erledigt werden, das getan, und jenes unbedingt heute noch geschehen. Vor allem die Kreativität litt darunter. Jan versuchte, Musik aus sich rauszupressen, ärgerte sich tierisch, nahm auf, löschte wieder, nörgelte. Viele Musikalitäten fand ich eigentlich ganz gut, aber ihm genügten sie noch lange nicht. Zum Piepen war das. Wenn wir ehrlich sind, war ich allerdings auch nicht besser. Ich hielt meine Kamera überall drauf, filmte wie eine Besengte, fotografierte alles, was mir vor die Linse kam. Es entstand ein unübersichtlicher Wust von Videoschnipseln und Fotostrecken, die zu 99 Prozent nach einem Papierkorb lechzten. Ich schrieb, strich wieder und ärgerte mich über verstrichene Arbeitszeit. Zu guter Letzt schimpfte ich über mein Geschimpfe und sog mir meine Island-Euphorie von ganz alleine aus. 

 

Raus mussten wir. Sonst würden wir irgendwann in Willi versauern. In Kirkjubaerjarklaustur (unglaublich schweres Wort) setzten wir unsere guten Vorsätze dann auch um. Der steile Berg neben unserem Nachtlager schrie schon fast nach uns. Also machten wir uns auf, ihn zu erklimmen. Ziemlich gute Idee! Obwohl wir die Nacht zuvor aufgrund schwerwiegender Winde nicht ein Auge zugetan hatten, tat die frische Brise auf dem Berg unheimlich gut. Bewegung und frische Luft. Das Geheimrezept gegen fast alles. Hat Mama schon immer gesagt. Oben auf dem Wipfel ließen wir unsere Gehirne einmal richtig durchpusten und wurden nach dem Abstieg mit einem tiptop Wasserfall belohnt. Das schönste: Nicht ein einziger Tourist (außer uns) hatte sich hierher verirrt. Traumhaft. Ein richtig schöner Tag war das.

 

Von unserem Kompagnon Jan-Erik, mit dem wir nach wie vor in regem Kontakt stehen, bekamen wir einige Tage später den heißen Tipp, dass es wohl eine „kleine“ Höhle in der Nähe von Vik geben sollte. Ein bisschen versteckt, aber mit dem Auto und einigen hundert Metern Fußweg gut zu erreichen. Ideal um ein bisschen Musik zu machen, oder vielleicht irgendwann einmal ein kleines Konzert zu veranstalten. Keine Frage, das mussten wir sehen. Und dieses Ausflugsziel lohnte sich wirklich. Zehn mal zehn Schritte groß war die Höhle, Wassertropfen rieselten von der Decke und ringsherum schwarze Wüste, die den Horizont auffraß. Ziemlich einmalig für hamburgische Landschaftsbanausen wie uns. Ob die Elbphilharmonie mit der Akustik dieser Höhle mithalten kann? Ich wage es zu bezweifeln. 

 

Jan-Erik ist eindeutig der Mann der guten Tipps, stellen wir immer wieder fest. Ohne zu übertreiben, muss man sagen, dass er nahezu alles über das Reiseleben in Island weiß. All die Dinge, über die wir uns als Island-Neulinge noch gar keine Gedanken gemacht haben - dass die Tipps überhaupt nützlich sein könnten - hat er zusammengetragen und gibt sie freizügig an uns weiter. Dufte. Beispiel: Campingcard. Klar, wenn man plant, ein halbes Jahr in Island zu sein und hin und wieder auf Elektrizität angewiesen ist, erscheint es sinnvoll, einen Campingplatz aufzusuchen. Das kann ganz schön ins Geld gehen. Mit der besagten Campingcard, die wir uns natürlich schleunigst zugelegt haben, können wir nun insgesamt 28 Übernachtungen auf über 30 unterschiedlichen Campingplätzen nutzen. Und das für umgerechnet unschlagbare 100 Euro. Ein ziemlich guter Preis für eine Monatsmiete.

 

Ab nach Langbrok. Hier wollten wir ein bisschen ausspannen. Klappte wieder nur so mäßig. Das mit dem Arbeiten und trotzdem Entspannung finden, müssen wir dringend üben. Zum Glück kam aber mein Geburtstag dazwischen. Und was soll ich sagen? Ich glaube, ich hatte den schönsten Geburtstag meines ganzen Lebens. Jan hat sich so viel Mühe gegeben und den Tisch morgens mit vielen bunten Luftschlangen und Konfetti geschmückt. Außerdem lagen unzählige Schnippselchen mit einzelnen Buchstaben oder Phrasen über den ganzen Tisch verteilt, die ich zusammensetzen musste. Ein Spiel genau nach meinem Geschmack. Like Scrabble. Ich liebe Buchstabensalate! Nachdem ich sicher eine halbe Stunde lang fiebrig Letter an Letter gepuzzelt hatte und vor Spannung fast platzte, ergab das Zusammengefügte endlich Sinn: Ich sollte einen Ausritt auf dem Eyjafjallajökull erleben dürfen. Unglaublich. Nachmittags sattelten wir auf (Ja, Jan ist auch geritten. Gut, oder?) und zuckelten über Stock und Stein. Wie es für mich war, in Worte zu fassen, ist unmöglich und deshalb lass ich das an dieser Stelle offen. Nur so viel: Für mich ist ein viel zu lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen. Danke, Jan!

 

Zwei Nächte blieben wir noch in Langbrok, musizierten, fotografierten, filmten, sahen Regenbogen, wunderschöne Sonnenuntergänge und bemerkten nicht, dass es sich schon ein Vögelchen auf unserem Gepäckträger bequem gemacht hatte. Erst am Abreisetag entdeckten wir das akribisch zwischen die Fahrräder eingepasste, fast fertige Nest. Das war irgendwie ein Zeichen. Auch wenn es uns unsäglich leid tat, das eben erst errichtete Bauwerk umzusiedeln und dabei zu riskieren, dass der Vogel das gar nicht gut finden würde, wussten wir, dass es jetzt weitergehen muss. Sich in der Natur einzunesteln ist schön und gut, aber Vögel müssen auch einmal ausschwärmen, um die Gegend zu erkunden und Freundschaften zu schließen. Außerdem tun, nach was ihnen der Schnabel steht. Unsere Schnäbel gurrten nach sozialen Kontakten. Abflug nach Reykjavik.

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