Chapter #2 - Kalter Dieter oder von Feen und Gnomen

Die erste Woche auf Island war spektakulär. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Wir haben mit riesengroßen Augen, offenen Mündern und ziemlich vielen „Aaahh`s“ und „Ooooh`s“ unsere ersten Kinderschritte auf der Insel gewagt. Allerdings erst am dritten Tag, denn erst einmal waren wir eingeschneit. Und wenn ich eingeschneit sage, dann meine ich auch eingeschneit. Ich meine nicht diese kleinen süßen Flöckchen, wie sie in Hamburg vom Himmel tanzen, sich sofort mit dem Grau der Straße vereinen und dann in Form von matschigem Brei höchstens noch ein, zwei Tage am Straßenrand den Kantstein abschrägen. Neeein. Ich meine S-C-H-N-E-E. Viel Schnee. Ich schätze, an Tag 2 waren es sicher 30 Zentimeter feinster Backschnee, der sich wunderbar zu einem riesigen Schneemann verspachteln ließ. Zeit zum Schneefiguren bauen hatten wir ja genug. Irgendwie irre, in einem fremden Land im Wetter festzusitzen. Im Nachhinein muss man sagen, hat es Jan und mir ganz gut getan, drei Tage mal wirklich nichts tun zu können (außer „Dieter“ zu kreieren). Das haben wir nämlich seit ca. einem halben Jahr nicht mehr getan.

 

Und dann ging es los. Von Egilstadir aus ab über den Pass. Und rein in die Welt der Elfen und Gnome. Ganz ehrlich: Kein Wunder, dass es Sagen und Religiöses gibt, wenn man diese Landschaft sieht. Sie lädt förmlich dazu ein, sich Geschichten zu phantasieren und sie auszuschmücken, ja fast schon ein bisschen daran glauben zu wollen, dass hinter dem nächsten Berg mit Schneemütze ein Riese sitzt, der einen Wasserfall weint.

 

Einige Kilometer hinter dem Pass verabschiedeten wir uns dann von unserem liebgewonnenen Freund Jan Erik, den wir auf der Fähre kennengelernt hatten und starteten unsere Route entlang der Südküste. Auf dem Weg nach Höfn, wo wir unser erstes Nachtlager aufschlugen, wollten wir unbedingt einmal in Djupivogur Halt machen. Djupivogur ist mit einem Preis für die langsamste Stadt Islands ausgezeichnet worden, da dort mehr als irgendwo sonst von lokalen Erzeugnissen gelebt wird. Finden wir ziemlich gut. Nach einer ausgewogenen Mittagspause mit leckerem obstigen Skyr, den Jan liebevoll „Erdbeerquarch“ taufte, entflohen wir jedoch dem starken Wind, der unseren treuen Willi zum schunkeln brachte. Zu sehr erinnerte uns diese Schaukelbewegung noch an die Überfahrt mit der Smyrilline Fähre.

 

In Höfn fanden wir eine dringend benötigte Tankstelle (auch Willi hat ab und an Durst) und einen soliden Campingplatz, der uns als Nachtlager diente. Trotz unserer beharrlichen Bemühungen, im Dunkeln nicht zu erfrieren, erwischten wir in unserer ersten Nacht in Höfn noch keine Polarlichter, obwohl sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit angekündigt waren. Dafür hatten wir am nächsten Tag vier neue Nachbarn, die den Rasen ernteten. In meinem Leben habe ich noch keine Rentiere gesehen. Und plötzlich standen sie da, als würden sie zum Inventar des Platzes gehören. Fast schon ein bisschen pikiert, dass diese Menschen mit ihren Autos ihre Festtafel belagerten. 

 

Nach einer weiteren Nacht in Höfn ging es weiter Richtung Vik. Vorbei an einer „Kuschelkuhle“, die ihresgleichen sucht (kann man in unserer Routen-Karte finden) und der Gletscherlagune Jökulsarlon. An vielen Orten mussten wir einfach kurz stehen bleiben, aussteigen, durchatmen. Von jetzt auf gleich konnte sich die Natur und auch das Wetter so schnell verändern, dass es sich einfach lohnte Rast zu machen. Und natürlich haben wir getanzt.

 

Zu dem Tanzvideo gibt es im Übrigen eine ganz eigene Geschichte. Meine persönliche. Denn ich wusste von absolut gar nichts. Plötzlich bekam ich diesen Auftrag von Jan: „Hey, steig hier mal aus und tanz` mal!“ Und das habe ich dann gemacht. Auf dem Feld, vor einem Berg, neben der Lagune und am Meer. Ohne zu ahnen, dass Jan einen Song geschrieben hatte und selbst ganz genau wusste, wie dieser klingt und es rhythmisch um ihn bestellt war. Dass dann trotzdem so ein süßes Video dabei herausgekommen ist, konnte ich beim ersten Anschauen gar nicht richtig fassen.

 

Vorbei an moosüberwachsenen Lavafeldern näherten wir uns schließlich dem Ziel unserer ersten Etappe: Dverghamrar. Ein wunderschöner Ort, an dem wir den Elfen und Gnomen auf`s Neue ganz nah waren. Vielleicht kommt der eine oder andere ja irgendwann auch dort vorbei und freut sich so über die Geschichten auf den Tafeln, die dort aufgestellt sind, wie wir. Und darüber, dass die wissenschaftliche und sagenhafte Tafel in friedvollem Nebeneinander zusammenstehen, die eine die andere sein lässt.

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